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Der Wunsch nach einem langen Leben ist so alt wie die Menschheit selbst. In Mythen und Legenden suchte man nach dem Jungbrunnen, der ewige Jugend und Unsterblichkeit versprach. Und noch heute begegnet uns diese Sehnsucht in einem neuem Gewand: Longevity. Mit Nahrungsergänzungsmittel, Lifestyle-Programmen und Hightech-Diagnostiken erhoffen sich viele Menschen ein längeres, gesünderes Leben.
Der 1. Oktober, der Tag der älteren Menschen, rückt weltweit – insbesondere in den angelsächsischen Ländern – das gesunde Altwerden in den Fokus. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Lebensverlängerung um jeden Preis, sondern um de Frage, wie Lebensjahre mit Lebnsqualität gefüllt werden können.
Immer mehr Menschen optmieren Schlaf, Ernährung und Bewegung, tracken Biomarker und hinterfragen ihre Gewohnheiten mit dem Ziel, möglichst lange vital zu bleiben. Doch was bedeutet Longevity für den Alltag? Welche Erkenntnisse sind wissenschaftlich fundiert – wo beginnt der moderne Mythos vom Jungbrunnen? Welche Rolle spielen Zeit, Geld und Ressourcen? Und vor allem: Führt der permanente Fokus auf Selbstoptimierung tatsächlich zu mehr Gesundheit oder verlieren wir dabei den Blick für das Wesentliche?
Die Große Fortbildung der Apothekerkammer Nordrhein greift diese Fragen auf und beleuchtet Longevity aus pharmazeutischer Perspektive. Die Fortbildung findet am 4. November 2026 digital statt und fängt um 18.30 Uhr an.
„Verjüngungsforschung“ – Prof. Björn Schumacher
Anti-Aging-Nahrungsergänzungsmittel – Prof. Mona Tawab
„Philosophisch-ethische Sicht auf das Thema Longevity“ – Prof. Dr. Mark Schweda
„GLP-1-Rezeptor-Agonisten und Metformin“ – Priv.-Doz. Dr. Olaf Rose
Hinweis: Die Große Fortbildung befindet sich noch in der Planungsphase. Die genannten Themen stehen daher unter Vorbehalt und verstehen sich als Arbeitstitel. Änderungen sind möglich. Eine Anmeldung ist aktuell noch nicht freigeschaltet. Über den den Anmeldestart und weitere Details informieren wir rechtzeitig.
Longevity ist mehr als ein Lifestyle-Trend. Im Gespräch mit Angelika Wöppel‑Wagner geht es um die Chancen moderner Prävention – aber auch um ihre blinden Flecken. Sie spricht über den schmalen Grat zwischen sinnvoller Selbstbeobachtung und gefährlichem Optimierungsdruck, über Lebensqualität im Hier und Jetzt und darüber, warum echte Gesundheit mehr ist als Daten, Hacks und High-End-Lösungen. Ein Interview über Maßhalten, Menschlichkeit und die Frage, wie Prävention wirklich alltagstauglich gelingen kann.
Longevity wirkt derzeit wie ein großer Trend. Ist das aus Ihrer Sicht tatsächlich ein Fortschritt in der Prävention – oder eher „alter Wein in neuen Schläuchen“?
Longevity ist beides. Viele Ansätze sind tatsächlich nicht neu – Bewegung, Ernährung, Stressreduktion und soziale Einbindung sind seit Jahrzehnten die tragenden Säulen jeder Prävention. Neu ist aber die Konsequenz, mit der heutzutage diese Themen jetzt individualisiert, datenbasiert und technologisch unterstützt umgesetzt werden.
Aus meiner Sicht ist das in jedem Fall ein Fortschritt, wenn es gelingt, wissenschaftliche Erkenntnisse früher, präziser und motivierender in den Alltag der Menschen zu bringen. Problematisch wird es dort, wo gute alte Grundprinzipien durch vermeintlich „innovative Hacks“ ersetzt oder überlagert werden.
Datenbasiert und technologisch unterstützt – die Digitalisierung macht es möglich. Viele Longevity-Ansätze setzen auf Messbarkeit, Selbstoptimierung und Kontrolle. Wo sehen Sie die Grenze zwischen dem Nutzen von Messwerten für sinnvolle Prävention und einem möglicherweise problematischen Optimierungsdruck?
Messbarkeit kann ein starkes Werkzeug sein. Sie schafft Bewusstsein, motiviert und macht Fortschritte sichtbar. Aber sie kippt, wenn sie zum Selbstzweck wird.
Aus meiner Sicht und auch Erfahrung in meiner täglichen Arbeit in der Klinik sind Grenzen dann überschritten, wenn Gesundheit nur noch in Zahlen gedacht wird und das subjektive Wohlbefinden kaum mehr eine Rolle spielt. Häufig sehe ich auch einen enormen Druck im Sinne von „ich tue nicht genug“ oder „es reicht nie“.
Dann wird aus Prävention schnell ein dauerhafter Optimierungsdruck.
Hinzu kommt, dass nicht für alle die gleichen Parameter eine Rolle spielen. Wenn ein stark adipöser Mensch von 500 Schritten täglich sein Pensum auf 3000 Schritte steigert, ist das großartig und eine gute Entwicklung.
Welche Risiken sehen Sie in dauerhaftem Optimierungsdruck Longevity anzustreben?
Wir sehen in der Praxis durchaus Risiken wie die Zunahme von Stress statt Reduktion. Auch werden Menschen, die sowieso schon zu Perfektionismus neigen, noch mehr unter Druck gesetzt, mitmachen zu müssen, und sie setzen sich selbst zusätzlich unter Druck, sobald Abweichungen entstehen oder einen Hack nicht durchführen. Eine junge Mutter bspw., die zwangsläufig häufig mit schlechten Nächten zu kämpfen hat, würde am Tracking verzweifeln. Es kann daraus relativ schnell ein zwanghaftes Verhaltensmuster erwachsen. Und das schadet dann mehr, als dass es der Gesundheit zuträglich wäre. Gesundheit wird dann nicht gestärkt, sondern destabilisiert.
Verändert die Idee von Longevity unseren Blick auf das Hier und Jetzt – vielleicht sogar in problematischer Weise?
Der Longevity-Gedanke kann den Blick verzerren. Wenn das gesamte Verhalten auf ein möglichst langes Leben ausgerichtet ist, besteht die Gefahr, dass Lebensqualität im Hier und Jetzt zu kurz kommt.
Ein gesundes Leben sollte nicht nur länger, sondern vor allem lebenswert sein. Prävention darf nicht bedeuten, das Leben aufzuschieben, sondern es bewusster zu gestalten. Gerade unsere Endlichkeit macht das Leben wertvoll. Sich damit auseinanderzusetzen und dann zu überlegen, wie gestalte ich mein Leben so, dass es in einer guten Balance bleibt, wäre aus meiner Sicht der richtige Ansatz.
Longevity beschreiben Sie als eine Art Baukastensystem aus einzelnen Maßnahmen und „Hacks“. Ein Baukastensystem spricht für eine einfache, kinderleichte Handhabung. Welche Chancen, aber auch negativen Effekte sehen Sie in diesem Baukastensystem?
Der Baukasten-Ansatz hat klare Vorteile: Es ist niedrigschwellig und lässt sich individuell einfach anpassen. Damit lassen sich die unterschiedlichen Lebensrealitäten der Menschen besser berücksichtigen.
Aber ein Baukasten ersetzt kein Gesamtkonzept. Und das muss schlussendlich immer individuell betrachtet werden. Wo liegen meine persönlichen Risikofaktoren? Was sind für mich Tools, die ich gut in meinen Alltag integrieren kann und mir im Idealfall auch Spaß machen? Denn nur dann besteht die größte Wahrscheinlichkeit, dass ich langfristig dranbleibe.
Wenn ich nur in Einzelmaßnahmen denke, dann geht der Zusammenhang verloren und häufig auch persönliche langfristige Ziele.
Was fehlt der aktuellen Longevity-Debatte, um wirklich ganzheitlich zu sein?
Was aktuell oft fehlt, ist echte Ganzheitlichkeit. Also die Integration von mentaler Gesundheit, aber auch sozialer Faktoren wie Beziehungen und Sinnhaftigkeit sowie die Fähigkeit, Maßnahmen in einen alltagstauglichen Kontext zu bringen.
Longevity wird zu oft biomedizinisch gedacht – und zu selten menschlich.
Ein weiterer Aspekt ist die soziale Gerechtigkeit: Können sich Longevity-Konzepte am Ende nur privilegierte Gruppen leisten? Wie beurteilen Sie das mit dem Fokus auf Public-Health?
Das ist aus meiner Sicht einer der kritischsten Punkte.
Viele Longevity-Angebote – von High-End-Diagnostik bis zu personalisierten Supplements – sind aktuell klar im Bereich der Selbstzahler angesiedelt. Damit profitieren vor allem privilegierte Gruppen. Und leider haftet Longevity auch an, dass es exklusiv und teuer sein muss, um gut zu sein. Gute Prävention muss aber nicht zwangsläufig teuer sein.
Aus Public-Health-Sicht ist das problematisch, weil so gesundheitliche Ungleichheiten verstärkt werden können und Prävention dort am wenigsten ankommt, wo sie am dringendsten gebraucht wird.
Hier wird es dann auch politisch, denn aus meiner Sicht wäre die Aufgabe der Politik evidenzbasierte, wirksame Maßnahmen allen zugänglich zu machen und einfache Interventionen zu stärken. Dazu gehören Bewegung, Ernährung und Stressregulation.
Ich beschreibe das immer gerne so: Aktuell sparen wir an der Dämmung, weil die Heizkosten zu hoch sind. Die Politik sollte sich mehr mit dem Thema sinnvoller Prävention auseinandersetzen und nachhaltige Angebote unterstützen. Dazu gehört aus meiner Sicht auch, Gesundheitswissen in die Schulen zu bringen. Nicht nur in Form eines Projekttages, sondern dauerhaft.
Der eigentliche Fortschritt wäre nicht, dass einige Menschen 100 werden, sondern dass viele Menschen gesünder alt werden.
Davon würde auch unser Gesundheitssystem massiv profitieren.
Noch eine Frage, wie bewerten Sie die Einführung der Zuckersteuer, die im Sinne der WHO das Motto „Make the healthier choices the easier choices.“ als ein Präventionsansatz nach vielen anderen Staaten nun auch in Deutschland umgesetzt werden soll.
Eine Zuckersteuer ist sicher nicht die finale Lösung, aber sie kann ein sinnvoller Baustein sein. Entscheidend ist, dass sie nicht isoliert eingesetzt wird. Wenn wir wirklich wollen, dass Menschen gesünder leben, müssen wir mehr tun, als ungesunde Entscheidungen zu verteuern. Es bedarf aus meiner Sicht viel strengerer Vorgaben an die Lebensmittelindustrie. Vielen Menschen ist nicht bewusst, was sie sich in den Einkaufswagen legen. Und oft ist es auch unzureichend gekennzeichnet. Aussagen wie „mit natürlichem Fruchtzucker“ sollten aus meiner Sicht gänzlich verboten sein. Bei Kindernahrung sollte es beispielsweise Zuckerobergrenzen geben.
Zusätzlich geht es aber auch hier wieder um Aufklärung. Wir müssen gesunde Entscheidungen verständlich, erreichbar und attraktiv machen.
Und schlussendlich muss sich nicht nur der Preis ändern, sondern auch die Beziehung und Eigenverantwortung der Menschen zu ihrer eigenen Gesundheit.
Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) warnt Verbraucherinnen und Verbraucher vor möglichen gesundheitlichen Risiken sogenannter „Drip-Spa“ oder auch „Longevity-Infusionen“. Dabei werden Infusionslösungen mit hochdosierten Vitaminen, Mineralstoffen und weiteren Substanzen intravenös verabreicht. Mit der Anwendung von Infusionen sind jedoch immer Risiken verbunden. Arzneimittel zur Infusion unterliegen in Deutschland einem strengen behördlichen Zulassungsverfahren. Nur wenn Wirksamkeit, Unbedenklichkeit und die Qualität nachgewiesen und ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis bestätigt wird, dürfen sie in den Verkehr gebracht werden. Dieser behördliche Nachweis ist bei Drip-Spas nicht erbracht. Diese Infusionslösungen sind in Deutschland nicht als Arzneimittel zugelassen. Drip-Spas werden u.a. mit der Stärkung des Immunsystems, der Verbesserung des Aussehens, der Leistungsfähigkeit und des Wohlbefindens sowie der Unterstützung der Leberfunktion beworben.
Während bei Arzneimitteln zur Infusion die Hersteller nachweisbare Qualitätsstandards erfüllen müssen, sind bei Infusionslösungen, die nicht als Arzneimittel zugelassen sind, die Qualität und Sicherheit der Produkte im Sinne des Arzneimittelgesetzes nicht belegt.
Aufgrund der Zusammensetzung besteht insbesondere bei vulnerablen Personengruppen das Risiko von Hypervitaminosen (Überdosierung von Vitaminen), Hyperhydration (Volumenüberladung) und Störungen im Elektrolyt- und Säure-Basen-Haushalt. Zusätzlich besteht das Risiko allergischer Reaktionen auf die nicht immer deklarierten verabreichten Substanzen, die in schweren Fällen auch zu einem anaphylaktischen Schock führen können. Wie bei allen Infusionen kann eine unsachgemäße Handhabung der Drip-Infusionen zu einem Austritt der Infusionslösung ins Gewebe (Paravasaten), Luftembolien und Kreislaufproblemen durch zu schnelle Flüssigkeitszufuhr führen.
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